Von Dr. Harald Sussek, REALTECH AG
Thomas Oppermann hat mächtig Stress: der IT-Leiter eines mittelständischen Chemieproduzenten steht kurz vor dem Upgrade der unternehmensweit eingesetzten SAP-Lösung. Zentrale Prozesse aus Warenwirtschaft, Produktion und Verwaltung laufen auf dem System rund um die Uhr. Längst sind die Zeiten vorbei, in denen sich der heute global agierende Mittelständler ein verlängertes Wochenende leisten kann, um die Systemumstellung in Ruhe vorzunehmen. Oppermann rechnet für das Upgrade mit einer Ausfallzeit von bis zu 20 Stunden: zwar ist die Datenbank mit 25 Gigabyte noch vergleichsweise klein, aber die umfangreichen Support-Packages, die zwei Mandanten und die zahlreichen Sprachversionen sorgen garantiert für einen höheren Zeitaufwand. Jedoch sind schon die 20 Stunden Ausfallzeit bei der Firmenleitung wie eine Bombe eingeschlagen: ein Produktionsausfall in dieser Größenordnung wird dort nicht akzeptiert.
Um die Upgrade-Zeiten zu verkürzen, bietet die SAP verschiedene Strategien an: Ab SAP R/3 Enterprise besteht die Möglichkeit, mit „System Switch Upgrade“ und „Downtime Minimized“ auf die so genannte Schatteninstanz zuzugreifen. Mit diesen Verfahren reduziert sich die Ausfallzeit auf wenige Stunden. Die Idee hierbei: zweitaufwändige Arbeitsschritte wie das Anlegen von Repository-Objekten oder das Durchführen kundenspezifischer Anpassungen lassen sich schon vor der Umstellung im Zielsystem vornehmen. Die deutlich kürzeren Ausfallzeiten werden aber mit zusätzlich benötigten Systemressourcen erkauft, wie beispielsweise mehr Speicherplatz für die Datenbank.
Wer den Mehraufwand scheut und ein ausreichend großes Zeitfenster hat, kann auf das SAP Standard Upgrade-Verfahren zurückgreifen. Abhängig von Art des Systems und Größe der Datenbank, können die Systemausfallzeiten auch mehr als 24 Stunden betragen. Gleichzeitig ist das permanente Risiko vorhanden, bei unplanmäßigem Verlauf oder bei unerwarteter Störung eine noch längere Systemausfallzeit in Kauf nehmen zu müssen. Im schlimmsten Fall müsste ein Rollback vorgenommen werden, gleichbedeutend mit dem Scheitern des gesamten Projektes.
Wie brisant das Thema ist, zeigt auch eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung RAAD-Consult: Demnach planen knapp 70 Prozent der SAP-Kunden im Jahr 2006 den Upgrade ihres SAP-Systems. Ein Ausfall ihrer IT-Systeme macht diese Unternehmen auf einen Schlag weitestgehend handlungs- und entscheidungsunfähig. Denn branchenübergreifend lenken und unterstützen Informationstechnologien in Betrieben alle wichtigen Abläufe – Von der strategischen Unternehmensplanung und der Produktentwicklung über die Fertigung und Auftragsbearbeitung bis hin zum Vertrieb und dem Kundenservice. Vor diesem Hintergrund hat die Walldorfer Realtech AG das Zero Downtime-Verfahren entwickelt, mit dem Organisationen SAP-Upgrades und SAP-Migrationen ohne Unterbrechung des laufenden Betriebs durchführen. Das Verfahren ist vor allem für Unternehmen mit kritischen Geschäftsprozessen, speziell in den Branchen Chemie, Rohstoff, Produktion und Automobil interessant.
Der Ablauf im Detail
Im Gegensatz zu den zuvor beschriebenen standardisierten Lösungen, ist das Zero Downtime-Verfahren ein kundenindividuelles Projekt. Im Kern geht es darum, die Anwender während der Systemumstellung mit einer Kopie des Produktivsystems arbeiten zu lassen und anschließend die Transaktionsdaten in das neue SAP-System einzuspielen. Das System ist nur während der Umschaltung der SAP-Nutzer für einen kurzen Moment nicht verfügbar. Nach erneuter Anmeldung des Benutzers kann dieser sofort weiterarbeiten. Die wesentliche Herausforderung dabei: es muss die Datenkonsistenz zu jeder Zeit gesichert sein und gleichzeitig ein kontinuierlicher Übergang bei der Systemumschaltung erreicht werden.
Bevor es losgeht, identifizieren die externen Berater in Zusammenarbeit mit dem Kunden zunächst die kritischen Geschäftsprozesse und leiten die entsprechenden SAP-Transaktionen ab. Diese Transaktionen sind dann während des Upgrades oder einer Migration des Original-Systems auf dem kopierten System verfügbar. Ebenso werden die SAP-Anwender definiert, die während des Upgrades oder der Migration auf dem kopierten System arbeiten dürfen. Eine Reihe von ausführlichen Integrationstests stellt den späteren reibungslosen Ablauf der Umstellung sicher. Auch durchzuführenden Nacharbeiten sowie eine System-Optimierung lassen sich beim Zero Downtime-Verfahren zeitunkritisch erledigen. So wird ein ausführliches und qualitatives Testen des neuen Systems möglich, bevor die Benutzer wieder zurückgeschaltet werden.
Im nächsten Schritt erfolgt die Trennung der Benutzer vom Produktivsystem und es wird eine Kopie der Datenbank erstellt. Diese Kopie des Produktivsystems stellt die Durchführung kritischer Transaktionen während der Umstellungsphase sicher. Alle in dieser Phase erzeugten Transaktionsdaten werden von der Systemkopie aufgezeichnet. Die Zwischenspeicherung erfolgt entweder über die SAP NetWeaver Exchange Infrastructure (XI) oder über den Interface Manager IM/3 von Realtech. Beide Lösungen sorgen für die Persistierung der Daten und für das konforme Mapping auf die neuen Datenstrukturen.
Zeitgleich mit der Netzwerkumschaltung zurück auf das Originalsystem startet das Einspielen der aufgezeichneten Daten in das neue System. Die korrekte Verbuchung wird durch Scheduling erreicht und mit umfangreichen Monitoring-Funktionen überwacht. Die SAP-Nutzer können sofort mit den eingespielten aktuellen Daten auf dem neuen System arbeiten.
Waren bis dato bei Unternehmen, die auf einen unterbrechungsfreien Betrieb ihrer Business-Prozesse angewiesen waren, Upgrade- und Migrationsprojekte nur schwer zu planen, so ist es heute möglich, Geschäftsprozesse auch während der Umstellung aufrecht zu erhalten. Für den IT-Leiter Thomas Oppermann ist dies eine gute Nachricht: Sein Chemieunternehmen kann die kritischen Produktionsprozesse auch während der Umstellung weiterführen und sich auf dem Weltmarkt wie ein Big Player positionieren.



