Von Martin Herling, REALTECH AG
Heterogene IT-Umgebungen erzeugen eine Vielzahl von unterschiedlichen Schnittstellen. Diese sind unerlässlich, um geschäftskritische Anwendungen miteinander zu verbinden. Hieraus resultiert eine unüberschaubare und schwer zu koordinierende System- und Schnittstellenlandschaft, die einen erhöhten Aufwand für Verwaltung und Administration verursacht. Auch innerhalb integrierter Lösungen wie SAP stellt dies eine Herausforderung dar, der sich Anwenderunternehmen stellen müssen.
Erstaunlich ist die Tatsache, dass ein integriertes und umfassendes Standard-Softwaresystem überhaupt noch auf externe Komponenten angewiesen ist. Die Erfahrungen zeigen jedoch, dass Unternehmen nach wie vor Spezialfunktionen auf externe Softwarekomponenten auslagern. Im einfachsten Fall handelt es sich um weitere Produkte der SAP selbst wie beispielsweise SAP Business Intelligence (SAP BI), SAP Supplier Relationship Management (SRM) oder Customer Relationship Management (CRM). In diesem Fall sind die Schnittstellen über SAP-interne Technologien ansprechbar. Sollen jedoch Software-Lösungen von Drittanbietern angebunden werden, gewinnt die Systemlandschaft deutlich an Komplexität, da jetzt auch unterschiedliche Technologien zum Einsatz kommen. Eine Situation, die bei den meisten SAP Kunden anzutreffen ist.
Komplexe Schnittstellenlandschaften bergen jedoch enorme Risiken. So kann beispielsweise der Ausfall einer Schnittstelle zu einer externen Planungssoftware innerhalb kürzester Zeit die Produktion stilllegen. Der Betrieb und die Überwachung aller auf den verschiedenen Technologien basierenden Schnittstellen stellt daher eine große Herausforderung dar. Gleichzeitig hängt von der reibungslosen Kommunikation der Anwendungen untereinander der wirtschaftliche Erfolg des Unternehmens ab.
Der erhöhte Aufwand für die Administration ist ein weiterer Nachteil, den vielfältige Schnittstellentechnologien mit sich bringen. Dies hat nicht nur Auswirkung auf die administrative Arbeit der IT-Abteilung, sondern auch direkte finanzielle Konsequenzen, da die Kosten für Wartung und Betrieb zunehmen.
Um diesen Herausforderungen zu begegnen, bedarf es einer zentralen Integrationsplattform. Bei der Auswahl eines geeigneten Systems empfiehlt es sich, eine Bewertungsmatrix zu verwenden, um sämtliche Kriterien und Faktoren berücksichtigen zu können.
Ein Kriterium für die Auswahl der Integrationsplattform ist deren Hardwareanforderung. Diese unterscheidet sich natürlich je nach Hersteller und Produkt. Bei der SAP Exchange Infrastructure (SAP XI) beispielsweise können Unternehmen mit Hilfe des SAP Quick-Sizers ein erstes Sizing der Systeme ermitteln. Ein weiterer Aspekt ist die Systemarchitektur, die so zu planen ist, dass auch Peak-Zeiten mit hoher Last abgefangen werden können. Ebenso muss die Möglichkeit bestehen, unternehmensübergreifend Anwendungen zu verbinden und dabei bestehende Sicherheitsrichtlinien einzuhalten. Darüber hinaus gilt es, die Betriebskosten zu beachten. Diese setzen sich aus Personalkosten, Kosten für den Betrieb und die Erstellung neuer Schnittstellen, der Pflege vorhandener Schnittstellen sowie den reinen Lizenzkosten, den Wartungsgebühren und den zusätzlich anfallenden Geldern für den Datenaustausch zusammen. Bei SAP XI gilt dies beispielsweise für die Nachrichtenübermittlung von SAP XI an Non-SAP-Systeme.
Unabhängig von der Kostenbetrachtung sollten Unternehmen darauf achten, dass die anzuschaffenden Systeme Hochverfügbarkeitslösungen unterstützen. Somit reduzieren sich die Risiken von Systemausfällen. Solche Fail-Over-Lösungen schalten im Fehlerfall sofort auf einen sekundären Server, so dass – je nach Art der Lösung – die reine Ausfallzeit zu vernachlässigen ist. Das Risiko stillstehender Kernprozesse ist damit auf ein Minimum reduziert.
SAP XI als Integrationsplattform
Die Integrationsplattform SAP XI bietet Möglichkeiten, die verschiedenen Schnittstellen zu konsolidieren. An diese „Datendrehscheibe“ lassen sich alle im Unternehmen verfügbaren Systeme über Adapter anbinden. Neue Systeme sind direkt integrierbar, so dass sich der Integrationsaufwand in die bestehende Systemlandschaft weiter reduziert. Im Idealfall sind sogar bestehende Schnittstellen-Definitionen wiederverwendbar. Dies führt zu einer erhöhten Flexibiltät bei der Gestaltung applikations- oder unternehmensübergreifender Geschäftsprozesse. Die Senkung der IT-Betriebskosten durch den Einsatz einer zentralen Integrationsplattform ist eine weitere positive Auswirkung der Einführung von SAP XI.
Neben den Standard-SAP-Technologien wie Intermediate Document (IDOC) und Remote Function Call (RFC) bietet SAP XI alle Funktionen einer EAI-Komponente. Durch die Verwendung von offenen Standards wie Simple Object Access Protocol (SOAP), Web Services Description Language (WSDL) und Extensible Markup Language (XML) agiert SAP XI als ideale Datendrehscheibe. Die Kompatibilität zu anderen Technologien wird über Adapter realisiert, die eine Verbindung mit fremden Systemen ermöglichen. Daneben bietet SAP XI durch Einsatz des Business Process Management die Möglichkeit, Geschäftsprozesse mit eigener Logik abzubilden und umzusetzen.
Die Lösung: Schnittstellenkonsolidierung
Durch die Reduzierung und Vereinfachung der zahlreichen Schnittstellen lässt sich der Aufwand für die Administration und für die Anbindung neuer Systeme deutlich verringern. Wichtig beim Projektstart ist es, eine klar strukturierte Vorgehensweise zu definieren. Die hier vorgestellte Methode orientiert sich am „Vier-Phasen-Modell zur NetWeaver Readiness“, die von REALTECH entwickelt wurde.
1. Phase: Konsolidierungsphase
Die Konsolidierungsphase orientiert sich ausschließlich am Business-Nutzen, der durch die Einführung von SAP XI erreicht werden soll. Dies kann beispielsweise die Optimierung von Bestellprozessen durch die Einführung von papierlosen Bestellungen sein oder die verbesserte Zusammenarbeit von Lieferanten und Kunden. Dies wird durch die Ablösung von historischen Schnittstellen oder auch die Auflösung von Medienbrüchen erreicht.
Um eine Vielzahl an Schnittstellen ordnen zu können, empfiehlt es sich, vorab die Ist-Situation zu erfassen. Hierbei wird ein Gesamtkonzept über die Schnittstellen- und Prozesslandschaft erstellt. Nachdem alle existenten und gegebenenfalls neuen Schnittstellen katalogisiert wurden, kann die Planung des Konsolidierungsprojekts starten. Hierbei gilt es im Besonderen darauf zu achten, dass Prioritäten richtig festgelegt sind und dem Projekt ein realistischer Zeitplan zugrunde liegt. Auf Basis der so erworbenen Informationen kann eine Bewertung stattfinden, ob und in welcher Form eine Konsolidierung auf eine einheitliche Integrations-Plattform machbar und rentabel ist.
2. Phase: Experimentalphase
In dieser Phase wird evaluiert, welche SAP NetWeaver-optimierbaren Business Cases aus der Schnittstellenlandschaft bzw. aus den vorhandenen Prozessen definiert werden können. Ein SAP NetWeaver-optimierbarer Business Case ist ein speziell ausgewählter Teil eines Geschäftsprozesses mit branchen- und anwendungstypischen Anforderungen. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er sich mit den neuen Möglichkeiten von SAP NetWeaver besser, einfacher, flexibler und kostengünstiger darstellen lässt als mit bestehenden SAP-Technologien.
Bei der Auswahl der Business Cases ist eine enge Zusammenarbeit zwischen IT-Abteilung und Fachbereich notwendig. Nur so lässt sich sicherstellen, dass alle Beteiligten gemeinsam das gleiche Ziel vor Augen haben und das Maximum an Optimierungsmöglichkeiten ausschöpfen.
Aus der Definition und der Priorisierung der Business Cases resultiert der SAP XI-Masterplan. Der Masterplan enthält die Roadmap für eine erfolgreiche Konsolidierung der Schnittstellenlandschaft mit SAP XI. Er beinhaltet erfolgskritische Milestones, die die Schnittstellenkonsolidierung bestmöglich unterstützen.
3. Phase: Pilotphase
Aufbau und Projektierung eines SAP NetWeaver-optimierbaren Business Cases stehen in dieser Phase im Mittelpunkt. Die Schnittstellenentwicklung ist so zu gestalten, dass ein möglichst hoher Grad an Wiederverwendbarkeit entsteht. Erreicht wird dies durch die Verwendung von Standards und einheitlichen Entwicklungsrichtlinien. In dieser Phase erfolgen auch Tests mit dem Prototypen, um zu messen, ob die Schnittstelle den Anforderungen des Business Prozesses genügt. Volumen und Lasttests geben Aufschluss darüber, ob die Architektur und das Sizing der SAP XI-Landschaft ausreichend sind. Der Masterplan ist auf die gewonnenen Erkenntnisse aus der Pilotphase anzupassen, um den Erfolg der abschließenden Projektphase sicherzustellen.
4. Phase: Projektphase
Auf Grundlage eines erfolgreich implementierten Pilot Business Cases werden in der letzten Phase des Vier-Phasen-Modells alle bereits vorhandenen sowie neu zu implementierende Prozesse abgebildet. Hierbei werden, mit Hilfe der erprobten Vorgehensweise, Schritt für Schritt die zugehörigen Schnittstellen in der Exchange Infrastructure umgesetzt. Durch den in der Pilotphase bewährten und auf Umsetzbarkeit geprüften Ansatz wird in dieser Phase das Hauptaugenmerk auf das Erreichen des Business Nutzen gelegt. Um den Erfolg des Projektes zu überprüfen, wird der definierte Business Nutzen aus der ersten Phase mit dem tatsächlich erreichten Nutzen verglichen.
Fazit
Eine Schnittstellenkonsolidierung auf Basis der SAP NetWeaver Exchange Infrastructure sollte in erster Linie mit den Business-Anforderungen des Unternehmens abgestimmt werden. Die Anforderungen bestimmen, welche Prozesse am dringlichsten zu optimieren sind. Wichtig sind eine detaillierte Analyse der vorhandenen Umgebung und eine stufenweise Einführung der neuen Plattform unter Verwendung von Standards. Nur so lassen sich administrative Aufgaben reduzieren. Unternehmen sind so in der Lage, die Stabilität geschäftskritischer Prozesse auch langfristig zu gewährleisten.



