Autor: Dr. Carl Winter, REALTECH AG
Bei einem Großteil der SAP-Kunden steht aktuell die Frage im Vordergrund, für welche SAP-Technologie sie sich entscheiden sollten. Ist die technologische Umstellung auf mySAP ERP 2005 oder der Einstieg in SAP NetWeaver sinnvoller für mein Unternehmen? Damit verbunden sind die Fragen: wann ist der geeignete Zeitpunkt für den Einstieg und wie rechnen sich die damit verbundenen Investitionen? Um das Budget vor den Entscheidungsträgern im eigenen Unternehmen zu rechtfertigen, ist es notwendig, den Nutzen dieser neuen Technologie transparent darzustellen.
Der wesentliche Mehrwert von SAP NetWeaver ist die flexible Abbildung von Geschäftsabläufen. Doch es bleibt zu klären, welchen weiteren konkreten Nutzen IT-Verantwortliche aus SAP NetWeaver ziehen können. Und welche Vorraussetzungen innerhalb der Organisation zu schaffen sind.
Integration als Argumentationsgrundlage
Mit SAP NetWeaver hat sich die Herangehensweise an IT-Projekte drastisch geändert. Früher entschied sich ein Kunde aufgrund des Leistungsumfangs für ein bestimmtes SAP- oder Non-SAP-Produkt. Nach der Installation erfolgten das Einrichten des Systems und das Customizing. Meist wurden zusätzliche kundenspezifische Eigenentwicklungen im SAP-System vorgenommen, um eine bessere Abbildung der Geschäftsprozesse und der für das Unternehmen spezifischen Anforderungen zu gewährleisten. Mit SAP NetWeaver steht heute die Integration im Vordergrund.
Erfahrungen aus Kundenprojekten der REALTECH AG zeigen, dass die Identifikation von SAP NetWeaver-optimierbaren Business Cases der wesentliche Punkt für eine erfolgreiche Nutzung der Integrationstechnologie von SAP ist. Ein SAP NetWeaver-optimierbarer Business Case ist ein speziell ausgewählter Teil eines Geschäftsprozesses mit branchen- und anwendungstypischen Anforderungen. Mit den neuen Möglichkeiten von SAP NetWeaver lässt sich dieser besser, einfacher, flexibler und kostengünstiger darstellen als mit bestehenden Technologien.
Die Business Cases werden identifiziert, indem man sich im ersten Schritt die neuen Möglichkeiten von SAP NetWeaver vor Augen führt. Mit diesen Erkenntnissen gilt es bereits etablierte Geschäftsprozesse zu analysieren und Teilprozesse mit Optimierungspotenzial zu identifizieren. Im nächsten Schritt ist zu bewerten, ob dieses Optimierungspotenzial mit den neuen Möglichkeiten von SAP NetWeaver umgesetzt werden kann. Der Geschäftsprozess bestimmt somit, welche SAP NetWeaver-Komponenten erforderlich sind. Nur wer sich zunächst auf die Geschäftsabläufe konzentriert, wird den Nutzen von SAP NetWeaver auf Entscheiderebene darstellen können.
Optimiertes Lieferantenmanagement mit SAP NetWeaver
Die technologische Grundlage für die Abbildung der Geschäftsprozesse innerhalb der SAP-Landschaft bilden SAP NetWeaver und die SAP NetWeaver-Komponenten. Der mit der Einführung von SAP NetWeaver einhergehende grundlegende Architekturwechsel führt dazu, dass sich das Herangehen an SAP-Projekte in einem beträchtlichen Rahmen ändert. Diese Änderungen sind nicht erst für eine Umstellung der gesamten IT auf SAP NetWeaver oder eine SAP Enterprise Services Architektur relevant, sondern sollten bereits beim ersten SAP NetWeaver-Projekt Berücksichtigung finden.
Ein typisches Beispiel für die Umsetzung eines SAP NetWeaver-optimierbaren Business Cases ist die Einbindung eines optimierten Lieferantenmanagements in die Geschäftsprozesse. Im ersten Schritt ist hierbei zu klären, in welcher Form die Lieferanten in die Geschäftsprozesse einzubinden sind. Ein umfangreicher Fragenkatalog hilft zu ermitteln, welche Informationen ein Lieferant im Detail benötigt und auf welche Lieferantendaten das Unternehmen Zugriff haben sollte. Weiter ist zu untersuchen, über welche Technologien und Übertragungswege der Datenaustausch erfolgen kann und wie sich Lieferanten in Prozesse überhaupt einbinden lassen.
Das Supply Chain Portal von SAP bietet den gewünschten Funktionsumfang und ist ein möglicher Lösungsweg, um auf Basis von SAP NetWeaver Lieferanten flexibel in die eigenen Prozesse einzubinden. Nach Definition der Anforderungen erfolgt an dieser Stelle die Bewertung des konkreten Nutzens für das Unternehmen. Im genannten Beispiel kann ein Unternehmen von einer vereinfachten und standardisierten Kommunikation mit seinen Lieferanten profitieren. Durch die Konsolidierung von Schnittstellen werden Abläufe automatisiert und können jetzt End-to-End überwacht werden. Der Beschaffungsprozess wird somit insgesamt optimiert.
Vereinfachte und standardisierte Kommunikation
Die zentrale Kommunikationsplattform stellt das SAP Enterprise Portal (SAP EP) in Form einer Web-Oberfläche bereit. Lieferanten erhalten über einen Standard-Web-Browser Zugriff auf alle bereitgestellten Informationen. Abhängig vom implementierten Berechtigungskonzept ist sogar ein aktives Arbeiten im System möglich, so dass sich Prozesslaufzeiten drastisch verringern. Die so erlangte Standardisierung der Kommunikation erlaubt eine schnelle Einbindung von neuen bzw. den unkomplizierten Austausch bestehender Lieferanten. Durch den Wegfall von Medienbrüchen und die erhöhte Automation wird der Beschaffungsprozess sowohl zeitoptimiert als auch kostengünstiger.
Schnittstellen-Konsolidierung
Selbst bei anscheinend technologisch-orientierten Themen wie beispielsweise der Konsolidierung von Schnittstellen mit SAP Exchange Infrastructure (SAP XI) sind die Unternehmensprozesse der Schlüssel zum erfolgreichen Projekt. Dabei gilt es sicherzustellen, dass Geschäftsprozesse über Unternehmens- und Systemgrenzen hinweg verfügbar sind. So konnten in einem Kundenprojekt bei REALTECH, in dem die Lieferanten die benötigten Informationen ursprünglich zum Download bereitstellten, durch einen SAP NetWeaver-optimierten Business Case die Prozesse deutlich optimiert werden. Im alten System traten oftmals Datenverluste bei der Übertragung auf, da kein durchgehendes Monitoring erfolgte. Heute liest die SAP NetWeaver-Komponente SAP XI die Daten konsistent in das ERP-System ein. Dadurch ist es möglich, den Prozess durchgängig von der Ablage auf einem FTP-Server bis zum Einlesen in das ERP-System umzusetzen. Dies führte zu einer deutlichen Steigerung der Prozessqualität und -verfügbarkeit.
Unternehmen sollten zuerst einzelne und abgegrenzte Business Cases innerhalb bereits etablierter Geschäftsprozesse identifizieren, die sich mit SAP NetWeaver besser umsetzen lassen als mit den bisher im Haus verfügbaren SAP-Technologien. Daraus resultieren überschaubare Projekte mit vertretbaren Kosten. Wie wichtig das Thema ist, bestätigen auch Kunden von REALTECH. Der Controller eines Unternehmens der Automobilbranche grenzt seine Entscheidungskriterien wie folgt ein: „Es ist alles erlaubt, was den Prozess schneller und einfacher macht“.
Nach Identifikation der Business Cases lassen sich diese auf Basis von SAP NetWeaver umsetzen und optimieren. Bei deren Realisierung greift das System auf unterschiedliche Enterprise Services zurück, die ein unternehmensweites Repository vorhält. Dabei nutzen die Web-Services Funktionen verschiedenster SAP und Non-SAP-Komponenten. Dies bedeutet auch, dass Business Cases über die ganze IT-Landschaft hinweg zu betrachten sind, um den Nutzen von SAP NetWeaver für das Unternehmen sicherzustellen.
Neue Technologien mit neuen Herausforderungen
Die neue Herangehensweise aus Sicht der Prozesse erfordert beim Kunden und den SAP-Beratungshäusern ein Umdenken. Gefordert ist eine neue Beraterkompetenz, bei der die SAP NetWeaver-zentrierte Umsetzung im Mittelpunkt steht. Es sind nicht mehr die Spezialisten gefragt, sondern Generalisten. Die Berater sollten sich in Richtung Integrationskompetenz neu orientieren und breites Wissen aufbauen. Technische Kenntnisse gewinnen auch im klassischen betriebswirtschaftlich getriebenen SAP-Beratungsmarkt zunehmend an Gewicht.
Bei Kunden wird die unternehmensweite Zusammenarbeit zu einem zentralen Element, um Business Cases sicher identifizieren zu können. Künftig arbeiten die IT-Abteilung und der jeweilige Fachbereich eng zusammen. Ausgehend von den Anforderungen an den Geschäftsprozess, sind die zur Realisierung benötigten Software-Komponenten zu betrachten und die damit verbundene SAP NetWeaver-Architektur zu definieren. Der konkrete Nutzen von SAP NetWeaver ergibt sich aus der Summe der Optimierungsmöglichkeiten und dient als Grundlage für weitergehende Investitionsentscheidungen.
Bisher ist der Bereich innerhalb der IT, der für die SAP-Systeme zuständig ist, in drei Bereiche aufgeteilt: Anwendungsentwicklung, SAP-Basis und Betriebsorganisation. Mit SAP NetWeaver lassen sich diese Grenzen nicht mehr in dieser Eindeutigkeit definieren. In Zukunft werden Projekte nur dann die erwarteten Ergebnisse bringen, wenn alle drei Bereiche an einer gemeinsamen Lösung arbeiten. Dies erfordert ein Umdenken bei jedem Mitarbeiter und entsprechende organisatorische Maßnahmen.
Fazit
Den Geschäftsprozess im Fokus, bietet SAP NetWeaver vielfältige Möglichkeiten zur Prozessoptimierung. Abgegrenzte Business Cases versetzen Unternehmen in die Lage, sich Schritt für Schritt der neuen SAP-Technologie zu nähern. Werden heute noch Themen wie neue Funktionen und reduzierte Wartungskosten mit SAP NetWeaver in Verbindung gebracht, so sind diese künftig um die Punkte firmenübergreifende Zusammenarbeit und Prozessoptimierung zu ergänzen. Dabei sollten Unternehmen immer das Ziel vor Augen haben, Geschäftsprozesse mit der neuen SAP-Technologie besser, einfacher, flexibler und auch kostengünstiger umzusetzen, als es mit den bisherigen Technologien möglich war. Der Mehrwert, der daraus für das Unternehmen entsteht, ist der messbare und darstellbare Business-Nutzen. Dieser dient als Grundlage für Investitionsentscheidungen, die auch vom Management verstanden und mitgetragen werden.



