Von Johannes Lang, REALTECH AG
Das Jahresende naht und es ist an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Ein persönlicher Blick aus der SAP-Szene auf die SAP-Szene.
Anzeichen von Optimismus sind aus der SAP-Community zu vernehmen. Die Geschäfte ziehen an, neue Projekte starten, erste Engpässe bei der Projektbesetzung deuten sich an und die Mitarbeiterakquisition auf dem Arbeitsmarkt gestaltet sich zunehmend schwieriger. Licht am Ende des Tunnels?
SAP blickt hoffnungsvoll in die SAP NetWeaver-Zukunft, die nach ihrem Willen schon vor zwei Jahren hätte beginnen sollen. Aber Marketing ist ja meistens seiner Zeit voraus.
SAP hatte sich selbst in eine schwierige Situation gebracht, als sie 2005 mySAP-Lizenzen zu Sonderkonditionen anbot, um das Geschäft mit SAP NetWeaver anzukurbeln. Die Kunden stellten allerdings die neuen Releases erst einmal ins Regal. Die Hoffnung der SAP erfüllte sich nicht, dass mit dieser Taktik weitere SAP NetWeaver-Projekte – und somit auch weitere Lizenzeinnahmen - wie die Pilze aus dem Boden schießen würden. Somit begann die Zukunft von SAP NetWeaver eher verhalten.
Doch jetzt, im Jahr 2006, hat die Umstellungswelle mit zahlreichen Projekten begonnen. Consultants im Hause SAP hätten es wissen müssen: Nach dem Lizenzverkauf fängt die Arbeit erst an. Doch die Entscheidung will gut überlegt sein. Upgrade-Projekte in Unternehmen kosten Zeit und Geld und laufen nicht mal so über Nacht. Vermutlich erst im Jahr 2008 wird die Upgradewelle ihren Scheitelpunkt erreichen.
Viele SAP-Kunden erkennen, dass SAP NetWeaver und das neue Konzept der Business Process Plattform für sie in Zukunft von zentraler Bedeutung sind, was ihre IT und ebenso die Flexibilität ihrer Businessprozesse angeht. Bis hierhin war es aber eine langer Weg. Im Jahr 2004 begann die Diskussion mit der Kernfrage: „Was ist SAP NetWeaver?“. Zu dieser Zeit hörte sich alles noch recht technisch an, doch für neue Technik gab es in den Unternehmen keine Budgets. Die Technik der Technik wegen anzuschaffen konnte sich keiner leisten. So stand 2005 die Frage im Vordergrund: „Welchen Nutzen bietet SAP NetWeaver?“. Es ging nicht mehr nur allein um den Einsatz der Middleware SAP NetWeaver, sondern darum, wie die IT das Kerngeschäft des Unternehmens unterstützen kann. Auf der diesjährigen DSAG-Tagung stand der klare Gedanke einer am Nutzen orientierten Umsetzung im Vordergrund und die Frage: „Womit fange ich an?“.
Überzeugende Business Cases sind dabei gefragt, um wieder Innovation durch die IT in die Unternehmen zu bringen. Das heißt für die Consultants, Geschäftsprozesse aufzuzeigen, die mit den neuen Möglichkeiten von SAP NetWeaver besser und innovativer ablaufen. Klare Vorstellungen über konkrete Projekte sind in der Regel die Voraussetzung für die Budget-Genehmigung zur Migration auf die SAP NetWeaver-Plattform.
Erste Anwendungsfälle mit SAP NetWeaver sind unseren Erfahrungen nach folgende:
• ein optimiertes Lieferantenmanagement mit einem Lieferantenportal oder einer Anbindung der Lieferantensysteme über SAP XI/PI.
• Data Management und Collaboration mit SAP EP und KW,
• Mitarbeiterinformationsportale oder
• Steuerungsinformationen für das Management mit dem neuen SAP BI 7.0.
Mit SAP NetWeaver ändert sich einiges, wie die Erfahrungen der bisherigen Projekte zeigen. SAP NetWeaver bringt zum einen neue Technologien mit sich wie beispielsweise Java. Zum anderen ist Integration der Grundgedanke von SAP NetWeaver: die Integration auf der Benutzeroberfläche, die Integration von Prozessen und Systemen auch über die Unternehmensgrenzen hinweg sowie die Integration von Prozess und IT-Technologie.
Dieser Gedanke dominiert nun die Abläufe in Unternehmen. Eine integrierte IT-Strategie ist hierbei notwendig sowie die Zusammenarbeit der Projektbeteiligten aus den Fachbereichen, der Anwendungsentwicklung und der IT-Technik. Plötzlich muss sich der IT-Ingenieur also mit den Geschäftprozessen auseinandersetzen und der Fachmann hinterfragt die neuen Techniken, wie sie ihn am besten unterstützen. Die IT-Organisation benötigt womöglich an diesem Punkt auch angepasste Strukturen.
Für die SAP-Beraterzunft klingt das wohltuend. Veränderung bedeutet in der Regel einen gesteigerten Bedarf an kompetentem Rat. Dieser könnte aber in der nächsten Zeit knapp und damit auch wieder teuer werden.
Die wenigsten der angestammten SAP-Dienstleister haben bisher in größerem Maße in die SAP NetWeaver-Ausbildung ihrer Berater investiert. Manche versuchen sich einen Vorsprung durch den Kauf von Unternehmen zu verschaffen, wie neulich Cap Gemini (sd&m) durch den Kauf des SAP XI-Spezialisten plecto. Selbst SAP Consulting hat hier noch Nachholbedarf, wenn man den Stimmen„inside SAP“ glauben darf. Zusätzlich ist der Beratermarkt im Bereich SAP NetWeaver recht dünn.
Nur wenige Unternehmen hatten die finanziellen Möglichkeiten für die Ausbildung ihrer Berater. Sinkende Preise, steigender Preisdruck aus den Off- und Nearshoring-Ländern und gegenseitiges Kannibalisieren durch Kampfpreise haben dazu geführt, dass nicht wenige auf der Strecke geblieben sind. Noch ist keine Änderung im Preisgefüge zu vermelden. Nicht selten wird unter der Ägide des Einkaufs für einen Dumpingpreis schlechte Beratungsqualität in Kauf genommen. Zukünftige SAP NetWeaver-Projekte verlangen aber Wissen und Erfahrung, die außergewöhnliche Investitionen auf Beraterseite erfordern. Hier ist ein Umdenken bei Unternehmen und Beratern angesagt.
Von SAP ist ebenfalls keine Subvention zu erwarten, auch wenn ein starkes Ökosystem erklärtes Ziel ist. Bemühungen der SAP waren bisher eher kurzlebig. 2005 war das „Jahr der Partner“. Als diese dann kurzfristig keine zusätzlichen Umsätze herbeischafften, schwand das Interesse so schnell wie es gekommen war. Man vergaß die Partner wieder ein wenig, vielleicht auch, weil mit SAP Consulting doch eine ziemliche Konkurrenz zu den Partnerunternehmen entstanden war.
Dass viele Unternehmen mit dem Aufschwung rechnen, macht sich derzeit unmittelbar am Arbeitsmarkt bemerkbar. War vor einem Jahr noch die Nachfrage bei Jobs im SAP-Beraterumfeld höher als die vorhandenen Job-Angebote, hat sich dies innerhalb von Monaten ins Gegenteil gewendet. Unternehmen suchen händeringend nach erfahrenen Beratern und das Bewerberkarussell dreht sich wieder munter.
Übertroffen wird das aber von der Visionsgeschwindigkeit, mit der sich der SAP-Konzern bewegt. Diese ist geradezu atemberaubend – fast so, dass sich manche Kunden abgehängt fühlen.
Innerhalb kurzer Zeit entwickelte SAP ein komplett neues Architekturkonzept und schuf mit SAP NetWeaver eine Middleware, die in Zukunft den Moloch der SAP-Anwendungen wieder handhabbar erscheinen lässt. Weiterhin verspricht SAP NetWeaver mit der Implementierung einer serviceorientierten Architektur (SOA) in der Zukunft die standardisierte und gleichzeitig individualisierte IT-Unterstützung von Businessprozessen.
Aus technologischer Sicht ist der Grund für den architektonischen Umbau der SAP-Produkte einfach. Vergleichbar mit dem Ende der SAP R/2 Architektur in den 80er Jahren, drohen heute die über die Jahre gewachsenen SAP R/3-Anwendungen nicht mehr wartbar zu sein. Flexibilität und schnelle Adaption an sich verändernde Geschäftsprozesse werden immer wichtiger und sind in der alten SAP-Welt nicht mehr möglich. SOA verspricht dafür grundlegende Besserung.
Gleichzeitig tobt der globale Wettbewerb. Wer in der Champions League der IT-Industrie spielen will, muss sich an den Big Playern messen. Der Shareholder fordert sein Tribut und Innovation hat ihren Preis. So setzen alle Konkurrenten der SAP auch auf das SOA-Konzept und jeder hat seine Gründe: ORACLE, um die vielen zusammengekauften Anwendungen zu integrieren, IBM, um aus der Partner Community Businessanwendungen anbieten zu können, die sie heute noch nicht hat, und Microsoft – oft unterschätzt in diesem Umfeld – um auf der .net-Plattform mit eigenen Anwendungen ein Stück vom Kuchen der Businessanwendungen abzubekommen.
Dabei hat SAP nach heutigem Stand die besten Chancen, die Vorteile der SOA-Idee für den Endanwender nutzbar zu machen. SAP kann als einziges dieser Unternehmen eine umfassende Suite von Business- und Branchenanwendungen anbieten. Wenn diese mit Hilfe einer SOA flexibel kombinierbar sind und so schnell an sich ständig verändernde Geschäftsprozesse angepasst werden können, wird SAP bedeutende Alleinstellungsmerkmale und zusätzlichen Kundennutzen bieten können. Bleibt zu hoffen, dass eine angemessene Lizenzpolitik dies auch noch bezahlbar sein lässt.
Weitere Fortschritte an der Schnittstelle der Anwendungen zum Benutzer lassen neue Produkte erwarten. DUET schafft die Integration von SAP in die Microsoft-Landschaften. Das noch in der Entwicklung befindliche Projekt MUSE verspricht die prozessindividuelle Gestaltung der Benutzeroberfläche und damit eine hohe Integrationsfähigkeit auf der Präsentationsebene. „SAP für alle“ ist die Parole der Zukunft und eine Vision, die so manchen Nutzen für schlanke Prozessunterstützung verspricht.
2007 wird angesichts jetzt gestarteter Projekte für Unternehmen und Beratungshäuser ein spannendes Jahr. Die Investitionsbereitschaft der Kunden wird zunehmen und der Aufbruch in die neue SAP-Welt gewinnt an Breite. Für ein Unternehmen wie REALTECH, das schon sehr früh in „SAP NetWeaver Readiness“ investiert hat und Spezialist für SAP-Upgrades und Migrationen ist, sind dies sehr positive Zeichen. Auch die Beschäftigung mit SAP SOA ist schon heute Thema interner Qualifikationsprojekte. Hier hilft die enge Verbindung mit und die räumliche Nähe zu SAP. Das Ende des Tunnels ist bald erreicht.



