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Fachbeiträge<br />

Was SAP NetWeaver wirklich bietet

Erschienen in der Computerwoche 03/2007


Von Dr. Carl Winter, REALTECH AG

Welche SAP Produkt-Versionen und SAP Releases gehören und passen zusammen. Welche sind die aktuellen Versionen?

MySAP ERP 2004 war die erste Version der mySAP ERP-Serie. Funktionales Herzstück des ERP-Systems ist die ERP Central Component (ECC) 5.0. Die Szenarien dieser Version sind die ersten, die auf SAP NetWeaver-Technologien beruhen. MySAP ERP 2004 umfasst die SAP NetWeaver-Komponenten SAP Application Server, SAP Enterprise Portal, SAP Business Information Warehouse, SAP Exchange Infrastructure, SAP Master Data Management sowie SAP Mobile Infrastructure.
Im Jahr 2006 erschien das aktuelle Release mySAP ERP 2005 mit der ECC 6.0. Diese Version basiert auf SAP NetWeaver 04s. Mit SAP mySAP ERP 2005 und SAP NetWeaver 04s hat sich die SAP weitgehend von der Fokussierung auf ehemalige Produkte wie SAP Enterprise Portal gelöst. Der Fokus liegt nun auf den Unternehmensprozessen und IT-Szenarien, die Anwender mit Hilfe der SAP NetWeaver-Komponenten umsetzen können.
Für das Jahr 2008 ist eine neue SAP NetWeaver-Version geplant. Der Nachfolger von mySAP ERP soll im Jahr 2010 erscheinen.

Wie hängen Enterprise Service-Oriented Architecture und SAP NetWeaver im Rahmen einer Business Process Platform zusammen?

Globalisierung, starker Wettbewerbsdruck und immer neue Anforderungen des Marktes zwingen Unternehmen, ihre Prozesse laufend zu optimieren und sich den ändernden Geschäftsbedingungen anzupassen. Um hierauf angemessen reagieren zu können, benötigen sie eine flexiblere IT-Infrastruktur anstelle der etablierten Client Server-Architektur. SAP NetWeaver bzw. die Enterprise Service-Oriented Architecture (ESOA) besitzen die entsprechenden Funktionen, damit Unternehmen die gesteigerten Anforderungen des Marktes stets erfüllen.
SAP NetWeaver und deren Komponenten bilden die technische Grundlage für die Abbildung einer ESOA.
Die Business Process Platform wird Standardkonzepte der ESOA und des Business Process Management (BPM) umsetzen. Sie wird sowohl die technische Infrastruktur bilden als darüber hinaus auch vordefinierte Komponenten für Geschäftsprozesse enthalten.

Was sind die Grenzen von SAP NetWeaver und ESOA?

Die Grenze für SAP NetWeaver liegt in erster Linie im ausgelieferten Funktionsumfang. Mit den SAP NetWeaver-Komponenten lassen sich die Rahmenbedingungen für ESOA schaffen. Die Anzahl der verfügbaren Enterprise Services ist jedoch noch gering. Weitere wird SAP mit den Enhancement Packages zu ERP 2005 ausliefern.
Eine zusätzliche Grenze bilden die fehlenden Werkzeuge und Konzepte, die zum Betrieb einer ESOA notwendig sind. Derzeit ist das systemübergreifende Monitoring bzw. das Monitoring der implementierten Business Prozesse nur rudimentär möglich. In diesem Bereich sind deutliche Verbesserungen notwendig, um den Unternehmen einen zuverlässigen Betrieb einer ESOA-Landschaft zu ermöglichen.

Was für neue Möglichkeiten für die Abbildung von Geschäftsprozessen ergeben sich durch die neue Technologieplattform SAP NetWeaver und damit verbunden einer ESOA?

Mit SAP NetWeaver sind Unternehmen in der Lage, ihre Geschäftsprozesse flexibler und standardisiert abzubilden. Sie können verschiedene Portale und Integrationsszenarien, die zur technischen Umsetzung der Geschäftsprozesse dienen, innerhalb einer Standardumgebung unter Nutzung von vordefinierten Szenarien implementieren.

Für wen ist SAP NetWeaver ein Thema? Nur für die SAP Basis, für die gesamte IT, für das gesamte Unternehmen?

SAP NetWeaver und ESOA sind auch Thema der Unternehmens- und Geschäftsführung. Denn mit SAP NetWeaver ändern sich nicht nur IT-Prozesse. Die SAP-Lösung hat darüber hinaus Einfluss auf das gesamte Unternehmen und auf die Zusammenarbeit mit Lieferanten und Kunden, da sämtliche Unternehmensprozesse entlang der Wertschöpfungskette betroffen sind.

Wann sollten sich Unternehmen mit dem Thema SAP NetWeaver und ESOA beschäftigen?

Unternehmen sollten bereits heute die Weichen für den Übergang auf die ESOA stellen. Diese wird ein essenzieller Bestandteil der zukünftigen Unternehmens- und IT-Strategie sein. Daher müssen die Unternehmen diesen Übergang sorgfältig planen. Die Umstellung auf die neuen Service-Orientierten Architekturen ist kein einfacher Upgrade, sondern ein Entwicklungsprozess, der in mehreren Schritten erfolgen sollte.
Bereits heute können Firmen beginnen, abgegrenzte Projekte auf ESOA auszurichten. Diese bleiben in einem überschaubaren Rahmen und bringen ersten Business-Nutzen. So können Unternehmen ihre gesamte Organisation schrittweise vorbereiten und frühzeitig die Richtung für ESOA vorgeben.
Mit einer frühen Vorbereitung auf ESOA und ersten Projekten sichern sich Unternehmen nachhaltige Wettbewerbsvorteile, da sie Prozesse flexibilisieren und Kosten einsparen.

Wie muss eine Kostenbetrachtung von SAP NetWeaver aussehen?

Die isolierte Betrachtung der IT-Betriebskosten reicht nicht mehr aus, um den Return on Investment (ROI) eines SAP NetWeaver-Projektes zu analysieren.
Für eine angemessene Kostenbetrachtung müssen Unternehmen ihren Blickwinkel ändern. Für die ROI-Analyse dürfen sie nicht die reinen System-Kosten heranziehen, sondern müssen die Kosten über die Betrachtung der Unternehmensprozesse analysieren.

SAP NetWeaver ist die technische Basis für die Abbildung der ESOA. Wie bildet man mittels der SAP NetWeaver-Komponenten einen Geschäftsprozess ab?

Mit mySAP ERP 2005 hat SAP die ersten 500 Enterprise Services als Teil des SAP-Standards ausgeliefert. Weitere Services folgen mit den Enhancement Packages zu mySAP ERP 2005. Auf diesen basierend können Unternehmen ihre Geschäftsprozesse Service-orientiert darstellen. Zusätzlich können sie über die SAP NetWeaver-Technologie weitere Enterprise Services erstellen und so ihre spezifischen Anforderungen exakt abbilden.

Der Upgrade von SAP R/3 4.6c bzw. Enterprise 4.70 auf ERP 2005 bringt, entsprechend den Master- und Upgradeguides der SAP, große Architekturwechsel mit sich. Wodurch ist das bedingt, und welche Folgen hat das für IT und Anwender?

Die Anforderung an eine ESOA ist eine neue Integrations- und Prozessschicht, die die verschiedenen Integrations-Dimensionen auf Anwendungs-, Prozess und Programmebene unterstützt. Eine Folge davon ist die zunehmende Komplexität der SAP-Landschaft. Unternehmen müssen bestehende IT-Prozesse und -Konzepte
neu entwerfen, sich in die neuen Komponenten und Techniken einarbeiten und zugleich die Betriebsabläufe überdenken. So passen bisher verwendete Service Level Agreements nicht mehr auf eine ESOA. Wo ehemals die Verfügbarkeit einzelner Systeme und Systemverbunde im Vordergrund stand, rückt nun die systemübergreifende Prozessverfügbarkeit in den Blickpunkt der Betrachtung.

Kann man den Upgrade auf mySAP ERP 2005 auch ohne Einführung der neuen SAP NetWeaver-Komponenten durchführen?

Der Upgrade der ERP-Vorgängerversionen auf ECC 6.0 ist zunächst eine rein technische Umstellung. Untersuchungen der DSAG (Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe) und ASUG (Americas SAP Users Group) haben ergeben, dass ein Großteil der durchgeführten oder geplanten Upgrades zunächst keinen funktionalen Hintergrund hat. Soll nach dem Upgrade der Funktionsumfang von ECC 6.0 nicht erweitert werden, müssen Anwender auch keine SAP NetWeaver-Komponenten einführen.

Welche Möglichkeiten haben SAP-Kunden, SAP NetWeaver einzuführen? Welche Herangehensweise ist sinnvoll, welche Risiken bergen die einzelnen Vorgehensweisen?

Vor allem vor dem Hintergrund knapper IT-Budgets ist der Upgrade des ERP-Systems auf mySAP ERP 2005 eine sehr gebräuchliche Vorgehensweise. Diese ist jedoch nur dann umsetzbar, wenn keine IT-Projekte anstehen, für deren Realisierung Anwender zeitnah SAP NetWeaver-Komponenten benötigen.

Der ideale Einstieg für Unternehmen, die bereits konkrete Anforderungen an SAP NetWeaver haben, liegt in der Einführung einer dedizierten SAP NetWeaver-Komponente. Durch ein in sich abgeschlossenes Projekt ist es möglich, die Software schrittweise und projektbezogen zu implementieren. In Einzelfällen kann dies zur Notwendigkeit führen, dass SAP R/3 spezifische Eigenentwicklungen und Anwendungen programmiert werden müssen. Diese haben die Aufgabe, die Kompatibilität zwischen unterschiedlichen Releaseständen herzustellen. Im Hinblick auf zukünftige Projekte sollten diese System-Modifikationen nicht zu umfangreich werden, da sie im weiteren Projektverlauf Anpassungen mit sich bringen. Vor Entwicklung dieser spezifischen Lösungen sollte eine ESOA-Roadmap erstellt werden, um frühzeitig bewerten zu können, wie sich diese Modifikationen in der Zukunft auswirken werden und welcher Anpassungs-Aufwand entsteht.

Eine dritte Möglichkeit liegt in der direkten Abbildung eines abgeschlossenen Prozesses wie „Order-To-Cash“ über Enterprise Services. Aufgrund des Aufwandes ist dies jedoch meist nur für große Unternehmen mit entsprechend schlagkräftiger IT-Abteilung möglich.

Was sind die Vorraussetzungen für den Einstieg in die SAP NetWeaver-Welt?

Unabhängig von der Art des Einstiegs sollten Unternehmen bei der Projektplanung die folgenden fünf Aspekte berücksichtigen, um insbesondere die IT auf SAP NetWeaver vorzubereiten:

  • Berücksichtigung von Änderungen der IT-Organisation und IT-Prozesse
  • Beachtung der sich ändernden IT-Architektur, Technologie und dem Betrieb der IT-Landschaft
  • Aufsetzen von Schulungsmaßnahmen zur Qualifikation der Mitarbeiter
  • Identifizieren des geschäftlichen Nutzens, der durch die Einführung der SAP NetWeaver-Komponenten erzielt wird
  • Berücksichtigung der neuen IT-Strategie und Erstellung eines SAP NetWeaver-Masterplans

 

Wenn Unternehmen diese fünf Dimensionen beachten und entsprechend umsetzen, dann ist sichergestellt, dass sie SAP NetWeaver und die damit verbundene ESOA erfolgreich einführen.

Was versteht man unter den so genannten SAP NetWeaver Integrated Services?

Neben den Grundkomponenten des SAP NetWeaver Stacks bietet SAP weitere Funktionen an, die sich unter dem Begriff „NetWeaver Integrated Services“ zusammenfassen lassen.
Hierbei handelt es sich um Funktionen und SAP-Produkte, die den Betrieb einer SAP NetWeaver-Landschaft bzw. die Umsetzung bestimmter Szenarien unterstützen. Dazu zählen beispielsweise der SAP Solution Manager und die Adobe Interactive Forms.