Von Dr. Carl Winter, REALTECH AG
Wer im Umfeld von SAP Systemlandschaften über mySAP ERP 2005 spricht, landet schnell bei Begriffen wie SAP NetWeaver und ESOA. Wie sind diese jedoch im Zusammenhang zu sehen und welche Bedeutung haben die Technologien für die Entwicklung der IT-Systemlandschaft hin zu einer Enterprise Service Oriented-Architecture?
Beim Vergleich traditioneller SAP-Systemlandschaften mit der mySAP ERP-Landschaft fällt vor allem die Erweiterung um etliche SAP-Komponenten auf. Zu Zeiten von SAP R/3 war nur ein zentrales System nötig, um ein SAP-Szenario umzusetzen. Doch mit mySAP ERP 2005 hat sich die Anzahl der zu implementierenden Systeme deutlich erhöht. Neben der ERP Central Component (ECC), dem funktionalen Herzstück der ERP-Anwendung, kommen noch folgende zusätzliche Komponenten hinzu: SAP Enterprise Portal, SAP Exchange Infrastructure, SAP Business Intelligence, SAP Business Connector sowie weitere Bausteine wie der SAP Solution Manager oder SAP Text Retrieval and Information Extraction (TREX). Jede dieser Komponenten bringt die Implementierung und den Betrieb eines zusätzlichen Systems bzw. einer zusätzlichen Systemlinie mit sich.
Von Client-Server- zur SAP Enterprise Service Oriented-Architecture
Viele Fachleute betrachten den Wechsel von einer Client-Server-Architektur auf eine Enterprise Service Oriented-Architecture (ESOA) als Wechsel auf die nächste große Innovationswelle – ähnlich dem Umstieg von SAP R/2 Mainframe auf die SAP R/3 Client-Server-Architektur. Die Client-Server-Anwendungen haben die Grenze ihrer technischen Möglichkeiten erreicht. Die IT-Abteilungen können die Anforderungen aus den Fachabteilungen hinsichtlich Flexibilität und Anpassungsgeschwindigkeit oftmals nicht mehr mit den traditionellen SAP-Mitteln umsetzen.
Einige Unternehmen reagierten auf diese Anforderungen mit kurzfristigen Lösungen, die aus proprietären Anwendungssystemen und Entwicklungen bestehen. Dieser Weg führte zu unüberschaubaren und immer größer werdenden IT-Landschaften.
Ein weiterer Lösungsweg, den viele Unternehmen verfolgten, ist der Best-Of-Breed-Ansatz. Die größte Herausforderung dieses Models ist die Verknüpfung von Anwendungssystemen unterschiedlicher Anbieter, die auf verschiedenen Technologien basieren.
Mit ESOA bietet die SAP heute eine Lösung für dieses Problem an. Die Integration der verschiedenen Anwendungssysteme und Technologien erfolgt auf folgenden unterschiedlichen Ebenen:
• Integration auf Benutzerebene (auf Basis von SAP Enterprise Portal / People Integration)
• Integration auf Prozessebene (SAP Enterprise Services Repository / Inventory und SAP xApps)
• Integration auf Systemebene (SAP Exchange Infrastructure)
Sämtliche Unternehmensprozesse entlang der Wertschöpfungskette über die IT stehen jetzt im Mittelpunkt der Betrachtung. Nur auf dieser technologischen Basis ist es Anwendern möglich, systemübergreifend zu arbeiten und prozessgesteuert auf die Systeme zuzugreifen. Die Folgen sind effizientere und flexiblere Prozesse, die zugleich Zeit und Kosten sparen.
Durch das Einhalten allgemeingültiger Standards wie Web Services oder XML verspricht SAP eine offene Landschaft, in die sich Fremdanwendungen leicht integrieren lassen. Im Rahmen des SAP NetWeaver-Entwicklungsframeworks können IT-Spezialisten eigene Anwendungen entwerfen, die sich an den SAP-Standards orientieren.
Wie gehen Kunden mit dieser Situation um?
Die Herausforderung für die IT-Abteilungen besteht in den nächsten Jahren darin, die IT-Landschaft nach und nach in eine ESOA zu überführen, ohne das Tagesgeschäft aus den Augen zu verlieren oder wichtige Projekte verschieben zu müssen. Die Themen sind gesetzt, das Ziel vorgezeichnet. Wie lässt sich jedoch ein sanfter Umstieg auf ESOA realisieren?
Eine sehr verbreitete Vorgehensweise – vor allem vor dem Hintergrund knapper IT-Budgets – ist zunächst ein technisches Upgrade des ERP Systems auf mySAP ERP 2005. Das Unternehmen arbeitet weiter wie zuvor, zunächst ohne die Neuerungen von SAP NetWeaver oder der ESOA zu nutzen. Nach dem Upgrade evaluieren die beteiligten Fachabteilungen die neuen Möglichkeiten und setzen sie in Projekten um. Diese Vorgehensweise ist jedoch nur dann praktikabel, wenn keine IT-Projekte anstehen, die eine zeitnahe Implementierung von SAP NetWeaver-Komponenten erfordern.
Der ideale Einstieg für Unternehmen, die bereits konkrete Anforderungen an SAP NetWeaver haben, liegt in der schrittweisen Implementierung einzelner SAP NetWeaver-Komponenten. Durch in sich abgeschlossene Projekte ist es möglich, die Software projektbezogen einzuführen. In Einzelfällen kann dies zur Notwendigkeit führen, dass die Anwender SAP R/3-spezifische Eigenentwicklungen und Anwendungen programmieren müssen. Diese haben die Aufgabe, die Kompatibilität zwischen unterschiedlichen Release-Ständen herzustellen. Im Hinblick auf zukünftige Projekte sollten diese System-Modifikationen nicht zu umfangreich geraten, da sie im weiteren Projektverlauf Anpassungen mit sich bringen. Vor Entwicklung dieser spezifischen Lösungen sollten die Anwender eine ESOA-Roadmap erstellen. So können sie frühzeitig bewerten, wie sich diese Modifikationen in der Zukunft auswirken und welcher Anpassungsaufwand entsteht.
Eine dritte Möglichkeit des Einstiegs liegt in der direkten Abbildung abgeschlossener Prozesse über Enterprise Services wie beispielsweise „Order-To-Cash“. Aufgrund des Aufwandes ist dies jedoch meist nur für große Unternehmen mit entsprechend schlagkräftiger IT-Abteilung möglich.
Der richtige Zeitpunkt für ESOA?
Unternehmen sollten bereits heute die Weichen für den Übergang auf die ESOA stellen, auch wenn frei verfügbare Enterprise-Services noch weit weg scheinen. Vor der Umstellung auf die neue Plattform sind entsprechende Konsolidierungs-Maßnahmen einzuleiten und umzusetzen. Typische vorbereitende Projekte zur langfristigen Einführung von ESOA sind:
• Release-Harmonisierung, um die IT-Landschaft auf einen einheitlichen Stand zu bringen
• Konsolidierung der Infrastruktur für eine einheitliche Basis und verringerte Betriebskosten
• Identity Management zur Erstellung eines einheitlichen und systemübergreifenden Zugriffs- und Berechtigungskonzept für die Anwender
• Umstellung auf UNICODE als Basis für einen system- und länderübergreifenden Zugriff auf das SAP-System.
Dabei sollten die Anwender beachten, dass es sich bei der Umstellung auf eine Service Oriented-Architecture um einen Entwicklungsprozess handelt, der in mehreren Schritten erfolgt: Einzelschritte in Form von abgegrenzten Projekten, die in einem überschaubaren Rahmen bleiben und einen ersten geschäftlichen Nutzen bringen. So können Unternehmen ihre gesamte Organisation sanft in die neue Richtung entwickeln.
Wenn sich Unternehmen frühzeitig auf ESOA vorbereiten und zugleich erste Projekte umsetzen, dann sichern sie sich durch Prozessflexibilisierung und Kosteneinsparungen nachhaltige Wettbewerbsvorteile.
Wie lassen sich Geschäftsprozesse auf Basis der ESOA abbilden?
Die funktionale Basis für die Abbildung der Geschäftsprozesse im Rahmen einer ESOA stellen die Enterprise Services dar. Diese basieren auf Webservices, die das W3C-Konsortium als allgemeingültigen Standard definiert hat (www.w3.org).
Mit mySAP ERP 2005 hat SAP die ersten 500 Enterprise Services als Teil des SAP-Standards ausgeliefert. Mit den Enhancement Packages zu ERP 2005 folgen weitere Services. Auf diesen basierend können Unternehmen Geschäftsprozesse Service-orientiert abbilden.
Zusätzlich können Firmen weitere Enterprise Services über SAP NetWeaver-Technologien erstellen. Unternehmen profitieren hiervon, da es ihnen Möglichkeiten eröffnet, spezifische Anforderungen exakt abzubilden.
So bietet das als Teil von SAP NetWeaver verfügbare SAP Composite Application Framework die Möglichkeit, eigene Anwendungen zu entwerfen. Mit Hilfe des Entwicklungs-Tools können IT-Experten alle drei Ebenen einer Anwendung direkt erzeugen – die Services, die Benutzeroberfläche und die dazugehörigen Prozesse.
Offene Fragen
Der Betrieb einer ESOA-Landschaft lässt noch viele Fragen offen, sei es hinsichtlich eines Backup- und Restore-Konzeptes oder wie das Monitoring der Geschäftsprozesse erfolgen soll. Weiterhin ungeklärt ist, wie die ERP-Szenarien auch nach zukünftigen Upgrades über Release-Grenzen hinweg funktionieren: Ist es möglich, ein mySAP ERP 2010 mit einem SAP Exchange Infrastructure aus SAP NetWeaver 04s zu betreiben?
Die Entwickler müssen klären, inwieweit sie eine Wiederverwendung von Web- bzw. Enterprise Services garantieren können. Weitere Fragen sind: Welche Rollen werden zukünftig SAP-Standards und De-Facto-Standards wie derzeit PDF innehaben? Wie zuverlässig werden sich SAP und andere Anbieter an diese halten? Eng mit dieser Thematik verknüpft steht die Frage im Raum, wie offen die Service-orientierten Architekturen tatsächlich sind, und wie Anwender die verschiedenen SOA-Produkte miteinander verknüpfen können.
Weiterhin ist es für die Kunden der SAP derzeit schwierig abzuschätzen, was eine bestimmte Lösung kosten wird und wie sich die Kosten in Zukunft bei wachsendem Datenbestand entwickeln. Prinzipiell sind die SAP NetWeaver-Komponenten und deren Nutzung über die gängigen Lizenzverträge abgedeckt. Jedoch müssen Anwender für bestimmte Funktionen zusätzliche Lizenzen erwerben, die vom Umfang der Nutzung abhängig sind.
Resumee
Nahezu alle SAP-Kunden bestätigen die Ergebnisse einer DSAG-Umfrage (Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe): SOA ist vielversprechend, steht aber noch am Anfang. Auch wenn dieses Konzept eine nächste Innovationswelle innerhalb der Unternehmens-IT einleiten wird, reagieren Unternehmen bisher noch sehr verhalten darauf.
Treiber dieser Technologie wird ein signifikanter geschäftlicher Nutzen sein, der durch die Flexibilisierung und Optimierung von Prozessen entsteht. Daran müssen sich IT-Projekte in der Zukunft messen lassen. Zur Bewertung der Rentabilität dieser Projekte ist es nicht mehr ausreichend, nur die Einsparungen im IT-Bereich zu ermitteln. Der wirtschaftliche Nutzen für die Unternehmen ergibt sich aus einer Gesamt-Prozesskostenbetrachtung. Schon heute können Firmen auf Basis von mySAP ERP 2004 und der darin enthaltenen SAP NetWeaver-Komponenten mit der schrittweisen Einführung der neuen Technologie beginnen – jedoch immer orientiert am Nutzen für den Geschäftserfolg des Unternehmens.



