Von Jörn Haase, REALTECH AG
Seit Juni 2006 ist die neue Produktversion von SAP Business Intelligence (SAP BI) erhältlich. Die Version ist der Nachfolger von SAP BW 3.50 und bildet die zentrale Komponente von SAP NetWeaver 2004s. Gleichzeitig bildet SAP NetWeaver 2004s als mySAP Business Suite Edition von NetWeaver 2004 die Grundlage für den nächsten Entwicklungsschritt in Richtung der Enterprise Service Oriented Architecture (ESOA).
Es gibt immer noch eine große Anzahl von Unternehmen, die SAP Business Warehouse in den Versionen 3.0 oder 3.1 einsetzen. Ende des Jahres 2006 stellte SAP für diese Module die Standardwartung ein. Die Verantwortlichen müssen jetzt entscheiden, ob sie den Zwischenschritt auf SAP BW 3.50 machen, oder direkt auf SAP BI 7.0 umsteigen. SAP BI 7.0 bietet im Vergleich zu den vorangegangenen Versionen neue Funktionen und Technologien sowie eine grundlegend neue Architektur. Jedoch sind vor einem Umstieg auf SAP BI 7.0 eine Reihe von wichtigen Punkten zu beachten.
Entscheidungshilfen
Bei der Entscheidungsfindung für einen Releasewechsel helfen dem IT-Verantwortlichen und den Fachbereichen folgende Fragestellungen: Welche Neuerungen kommen mit SAP BI 7.0 auf die Unternehmen zu und welchen Nutzen bringt das neue Release den Fachabteilungen im Vergleich zu SAP BW 3.50 und den Vorgängerversionen? Zusätzlich müssen sich die Entscheider mit den direkten und indirekten Kosten der Umstellung beschäftigen.
Die Verantwortlichen sollten beachten, dass sich die Fachabteilungen mit der neuen Architektur vertraut machen und in die neuen Funktionen einarbeiten müssen. Bei einem Wechsel auf SAP BW 3.50 hingegen ist der Schulungsaufwand vernachlässigbar gering. Da sich mit SAP BI 7.0 nicht nur die Funktionen grundlegend ändern, sondern zur Darstellung webbasierter Inhalte nun auch das Enterprise Portal 7.0 samt Web Application Server Java benötigt wird, ist die IT ebenfalls betroffen. Die IT-Abteilung muss sich dabei über neue Administrationskonzepte und unter Umständen über die Anschaffung neuer Hardware Gedanken machen.
Zusätzlich gilt es, besondere technische Voraussetzungen bei der Nutzung der neuen Frontend-Komponenten zu beachten. So wird für den Business Explorer nur Excel 2002 oder 2003 unterstützt und der SAP GUI 6.40 Compilation 4 vorausgesetzt. Diese Anforderungen müssen sich nahtlos in die unternehmensweite Office- oder GUI-Strategie einfügen. Ansonsten muss vor dem eigentlichen Releasewechsel-Projekt zunächst ein Versionswechsel für Office und/oder den SAP GUI erfolgen. Zusammenfassend bedeutet dies, dass ein wichtiger Schritt vor einem Releasewechsel die Abwägung der tatsächlich benötigten Funktionen gegenüber dem zu erwartenden Zeit- und Kostenaufwand sein sollte.
Neue Funktionen und Möglichkeiten von SAP BI 7.0
Optimales Design und damit auch die Durchgängigkeit von Prozessen sind entscheidende Punkte für die Akzeptanz des neuen Produktes bei den Anwendern. Dieser Aspekt folgt dem aktuellen Trend systemübergreifender Funktionen. Bei SAP heißen diese Funktionen Composite Applications oder auch xApps. Für SAP BI 7.0 werden diese als so genannte SAP xApps Analytics bereitgestellt. Mit dieser Funktion ist es erstmals möglich, SAP BI-Auswertungen und operative Anwendungen zu verknüpfen, die direkt im angebundenen ERP-System ablaufen. Eine der augenfälligsten Neuerungen im Bereich der Präsentation ist die Möglichkeit, Auswertungen mit dem Visual Composer zu modellieren.
Eine weitere wesentliche Neuerung von SAP BI 7.0 ist die integrierte Planung, die als SAP BI Integrated Planning bezeichnet wird. Die Planungsfunktion (SEM-BPS) war bereits in SAP BW 3.50 als BW-BPS-Bestandteil enthalten und ist nun komplett in SAP BI 7.0 integriert. Wer die Planungsfunktion von SAP BI erstmals nutzen möchte, sollte dies direkt mit SAP BI 7.0 tun, da BW-BPS zwar weiterhin unterstützt wird, aber keine neuen Funktionen mehr erhält.
Viel Neues hat sich auch im Bereich der Enterprise Data Warehouse-Funktionen von SAP BI 7.0 getan. Dabei geht es um die Aktualität der Daten und die Möglichkeit, Daten möglichst schnell aus den angeschlossenen Quellsystemen in das SAP BI-System zu laden. Die Analyse der Daten erfolgt jetzt mit einer hohen Abfrageperformance. Folgt man dem Datenfluss in ein SAP BI 7.0-System, so fällt in der neu strukturierten Data Warehousing Workbench (zuvor Administrator Workbench) auf, dass bei der Modellierung eine Vereinheitlichung von Übertragungs- und Fortschreibungsregeln zu Transformationsregeln erfolgt ist: Dadurch kann das System die Regeln zentral bearbeiten und Ladeprozesse nun vollständig durch Prozessketten abbilden. Die Datenextraktion wird wie gehabt über InfoPackages gesteuert. Jedoch erfolgt die Ablage der Daten nur noch in der Persistant Staging Area (PSA). Die weitere Verarbeitung der Daten in die Datenziele (InfoProvider) läuft nun über neu strukturierte und wesentlich leistungsfähigere Data Transfer-Prozesse ab. Dadurch erhalten die Anwender die Daten nahezu in Echtzeit (Realtime Data Acquisition).
Beim Aufbau einer historischen Datenbasis, als Voraussetzung für die Auswahl der richtigen Daten, folgt SAP BI 7.0 den Konzepten des Enterprise Data Warehouse von Bill Inmon, Autor von „The Corporate Information Factory“. Diese Konzepte bieten einfache Möglichkeiten, verschiedene Schichten für die Datenanalyse zu modellieren. Einen weiteren Vorteil von SAP BI 7.0 stellt die Remodelling Toolbox dar. Es ist erstmals möglich, einen InfoCube nachträglich in seiner Struktur zu verändern, ohne den Cube neu aufzubauen. Damit kann die Fachabteilung auch nachträglich auf geänderte Anforderungen in der Datenanalyse reagieren.
Bei den bisherigen SAP BW-Versionen war die Prozessperformance der Datenanalyse oftmals die größte Herausforderung. SAP BI 7.0 stellt eine sehr gute Alternative zur Steigerung der Query-Geschwindigkeit zur Verfügung: den SAP BI Accelerator. Mit dieser zusätzlichen Hardware-Komponente können Anwender eine Verbesserung in der Laufzeit von Queries um das Zehn- bis Hundertfache erzielen. Mit Hilfe des SAP BI Accelerators ist nun sogar die Analyse von Massendaten möglich.
Bevor sich Unternehmen allerdings ernsthaft mit der Anschaffung eines BI-Accelerators auseinandersetzen, sollte geprüft werden, welches Optimierungspotenzial innerhalb der bestehenden BI-Landschaft noch vorhanden ist. Wird dieses richtig ausgenutzt, so sind weitere Investitionen in vielen Fällen nicht mehr vonnöten.
SAP BI 7.0 oder SAP BW 3.50?
Unternehmen sollten klar definieren, welche Anforderung sie an den Nachfolger ihres BW 3.0B oder BW 3.1C Systems haben. Stellt sich heraus, dass bereits SAP BW 3.50 alle benötigten Funktionen abdeckt, sollten sie auf dieses System wechseln. Ist allerdings davon auszugehen, dass die Fachabteilungen früher oder später die neuen Features von SAP BI 7.0 nutzen möchten, so wäre der Wechsel auf SAP BW 3.50 nur ein Zwischenschritt, der zusätzliche Arbeit verursacht. Die Frage der ESOA-Konformität von NetWeaver 2004 oder NetWeaver 2004s stellt sich für die SAP BI-Komponente derzeit noch nicht und sollte höchstens ein nachrangiges Kriterium für die Auswahl der Zielversion darstellen.
SAP Enterprise SOA und die Gestaltung optimaler Prozesse
Es gibt unterschiedliche Meinungen in der Fachwelt, wie SAP BI in das Thema ESOA einzuordnen ist. Einheitlich ist die Aussage, dass ESOA zunächst einmal die direkte Umsetzung von Geschäftsprozessen erlaubt, sich also auf die operativen Prozesse im Unternehmen auswirkt. Stand heute sind die analytischen Prozesse einer SAP BI-Applikation architektonisch von den Prozessen eines ERP-Systems getrennt, so dass sich die Einführung von ESOA für SAP-Systeme zunächst nur auf die ERP-Systeme beschränken wird. Die Berührungspunkte mit SAP BI 7.0 sind daher zweitrangig. Sobald künftig Geschäftsprozesse vollständig auf Basis von ESOA laufen, wird sich dies auch auf das Design von SAP BI-Prozessen auswirken. Grund hierfür sind die analytischen Applikationen als Teil und Steuerungselement von Geschäftsprozessen.
Umstellung auf SAP BI 7.0 – Eine Empfehlung
Den Wechsel auf SAP BI 7.0 müssen Unternehmen detailliert planen, um alle Anforderungen erfüllen zu können, die das neue Release stellt. Für den Versionswechsel empfiehlt sich ein Vorgehen in zwei Schritten: Zuerst sollten die Verantwortlichen das technologische Upgrade durchführen, um dann die alten Funktionen weiterhin „im neuen Gewand“ zu nutzen. Anschließend erfolgt die sukzessive Umstellung auf die neuen Funktionen. Wichtig ist in jedem Fall, dass allen Beteiligten ausreichend Zeit für Funktionstests zur Verfügung steht.
Die zahlreichen neuen und verbesserten Ansätze und Funktionen von SAP BI 7.0 kommen vor allem den Bedürfnissen der Fachabteilungen nach einer wirksamen Datenanalyse entgegen. Wer einen Releasewechsel erwägt, sollte sich allerdings einige essenzielle Punkte vor Augen führen. SAP BI 7.0 steht erst seit recht kurzer Zeit zur Verfügung, so dass mit Nachbesserungsarbeiten und Updates zu rechnen ist. Der Releasewechsel selbst ist aber in jedem Fall unproblematisch, da Funktionen aus dem alten Release auch im neuen Release weiterhin zu Verfügung stehen.
Damit ergibt sich folgende Empfehlung: Unternehmen sollten sich gründlich damit beschäftigen, welche Funktionen von SAP BI 7.0 sie zwingend benötigen und auf dieser Basis ihre Entscheidung treffen. Zusätzlich sollten sie prüfen, ob für den Releasewechsel neue Hardware-Ressourcen erforderlich sind. Die IT muss sich darüber hinaus mit den Konzepten von Java und SAP Portal vertraut machen, die in der bisherigen SAP BW-Welt noch nicht zum Einsatz kamen.



